Neue Ährenämter
Oder: Die Suche nach Heu, Kröten oder Knete.
Bereits vor ein paar Wochen nahm ich zwei Ehrenämter an. Das erste war aus Scarletts Idee gewachsen, die mir sagte: “Eh, das könnte auch was für dich sein.” Gemeint war ein Schauspieljob, nicht am Schauspielhaus, aber an der Ruhr-Uni Bochum. Eine eMail war schnell ausgetauscht: “Schreib doch den und den an und lass dich auf den Verteiler setzen.”
So flatterte Ende März eine Antwort mit der Einladung zur Schauspielerschulung ins Haus.
An und für sich machte mir das nichts. Das in mich gesetzte Vertrauen kann auch enttäuscht werde, dachte ich und hatte trotzdem einen klumpigen Mulmen im Hals. Die anderen Mitkolleginnen, ja die Mitschauspielrinnen waren vorbelastet und ich kramte in meinem Rückerinnerungungsaufenthaltsgedächtinis, ob ich nicht doch mal … Halt, Statisterie an der Deutschen Oper am Rhein! Drei Auftritte bei Kiss me Kate!
Ich sollte eine genervte Mutter spielen, die den Zeugen Jehovas angehört und deren Religionsüberzeugung im Schulbetrieb missachtet worden war. Die Empörung gelang mir nicht, aber es war ja nur ein Vorwarmlaufschauspielen. “Geh mal härter dran”, empfahl mir der Leiter, und im nächsten Simulationsfall hatte ich eine Mitarbeiterin zu Rede zu stellen, die das Firmenvertrauen schwer missbraucht hat. So habe ich sie gefeuert (”Geh mal härter ran!”), he he. Und angeschnauzt, he he, hab ich sie auch, und ich glaube, das hat ihr Stress bereitet. Soweit der Vorlauf.
Gestern ging es “in echt” in die Rollen. Fünf Gruppen Studierende fürs Lehramt mussten bespielt werden. Die KandidatInnen sollten die zukünftigen LehrerInnen spielen und lernen, Konfliktgespräche zu führen. Ich war wieder eine empörte Mutter, dieses Mal die Mutter eines Fünferkindes, dessen Versetzung gefährdet ist. Nun, was blieb, als den Konflikt dort zu suchen, wo das Gegenüber sich nicht wehren kann. Ich argumentierte: “Mein Kind hat Angst vor Ihnen, Sie unterdrücken mein Kind, es kommt bei Ihnen in Ihrem Unterricht nicht zum Zuge.” Daher die Fünfen.
Nun galt es, irgendwie zu schaffen, dass das Kind im Folgenden im Unterricht besser benotet wird und tatsächlich konnte ich zwei Lehramtsanwärtern ein Quasi-Versprechen ableiern, dass die nächste Klausurnote besser wird. Hihi, das gab natürlich Tadel in der Nachbesprechung.
Trotzdem war alles sehr kollegial verlaufen. Man muss sie in die Zange nehmen, das spürte ich, aber es ist ja nur ein Spiel. Menno, waren einige nervös gewesen!
(und ich erst)
Gerne hätte ich das Geld Cash auf die Kralle mit nach Hause genommen. Ich habe irgendwie Spaß an Cash-Auf-Die-Kralle-Geld. Das ist grundehrlich: Ich arbeite und hab dann auch direkt meinen Lohn. Ohne viel Umweg über die Bank. Ich will nicht sagen, dass ich permaklamm bin, aber ich will sagen, dass es ich ein saugutes Gefühl habe, sofort das Geld zu haben, das man vor dreizehn Minuten erwirtschaftet hat. Das entfremdet mich nicht von meiner Dienstleistung.
Sonntag, Wahlsonntag, Muttertag.
“Da können Sie ausschlafen”, hatte mir die Dame vom Wahlamt mein Ehrenamt telefonisch vor zwei Wochen schmackhaft gemacht. “Ich habe Sie als Wahlhelferin für die Briefwahl eingesetzt.” Hm. Ich kannte jede Menge alter Menschen, die Wahlhelfer waren, oder geradezu dazu verdonnert waren — Lehrer und Stadtangestellte, und meist machten sie es Jahrtausende lang und sie machten es nicht zu ihrem Spaß, aber es ist ein Job, von dem kommt man nicht los.
Mich hatten sie gleich als Schriftführerin eingetragen. Ein Glück in zweifacher Hinsicht. Zum einen wegen des Ausschlafens, zum anderen gibt es mehr Kohle. Ja. Eine Quickie-Schulung eine Stunde vorher hatte ich mitzumachen. Also um 11 Uhr antreten, im Raum den Vortrag entgegen nehmen. Ich sah so manche aus der ehemaligen Szene, damals politisch Links, APO, Kommunisten, Aktivisten. Heute gediegen, Wahlhelfer. Leutteeeeee… so lala bin ich doch nicht, ihr auch?
Also, was mir auffällt, man hat sich seit der Wende nie mehr gesehen und jetzt sind die ehemaligen Jungspunde an Haaren ergraut. Anyway.
Ich kann gar nicht so schnell mitschreiben, wie ich nicht kapiere, wie so eine Wahl und die Stimmauszählung vonstatten gehen. Da ist es Zwölf, ich mach mich auf den Weg zur Memelstraße, ich eiere durch das Gebäude, das auch Schul- Öffentlichkeits- und Schokoticket, Sozialticket und Wahlamt ist, sondern wo auch im Keller gleich zwanzig Wahlbezirke ausgezählt werden. Ebendlich bin ich im Büro und da sind auch schon sechs andere und ich spüre: Ich bin die Letzte in persona und ich spüre auch, dass sie mir die Schriftführerin nicht abkaufen.
Zu meinem großen Glück ist der Briefwahlvorsteher ein sehr alter Hase und sein Stellvertreter ein sehr junger Spund, aber sehr sympathisch. Die Schriftführerin bin ich selbst und der Briefwahlvorsteher muss eine stellvertretende Schriftführerin ernennen. Dazu sitzen drei Beisitzer da, aber sie sind komplett. Dann geht alles schnell: Der Briefwahlvorsteher verabschiedet sich, die so eben gewählte stellvertretende Schriftführerin geht ebenso, und von den drei Beisitzern ist einer nun auch weg. Auf den Tisch gekippt liegen vor uns jetzt hundert oder tausend rosafarbener Briefumschläge. Der Stellvertreter regt an, sie zu öffnen. In jedem der rosafarbenen Umschläge steckt eine eidesstattliche Versicherung und ein blaue Umschlag mit dem Stimmzettel.
Es gilt im ersten Schritt zu prüfen, ob der Zettel mit der eidesstattlichen Versicherung korrekt unterschrieben ist. Oder ob der rosa Briefumschlag überhaupt zu unserem Stimmbezirk gehört. Und es gilt schon hier, es gibt Überraschungen: Es gab rosa Umschläge ohne unterschriebenen Wahlzettel, es gab auch welche mit Wahlzettel aber ohne Unterschrift. Es gab einen blauen Umschlag ohne rosa Drumherum (”Das haben wir noch nie gehabt”) und natürlich gab es die abenteuerlichsten Verklebungen am rosa Umschlag — und der Inhalt, dass der mal nur sicher ist!
Am liebsten waren mir die unbehandelten Umschläge. Man nahm den Brief heraus und legte ihn in die Wahlurne. Dann hieß es Füße still halten bis achtzehn Uhr. “Aber Schlitzen darf man?”, überlegten wir. Schlitzen heißt, die blauen Briefe vorher öffnen ohne den Wahlschein herauszunehmen. “Das ist legal in der Grauzone!”, sagte ein anderer. Ich schlug vor, in dem viele Seiten umfassenden Pamphlet nachzuschlagen. Nein, Abwarten bis 18 Uhr.
Um 18 Uhr waren alle Wahlhelfer wieder da. Nun zeigten sie viel Temperament und Vorankommewille. Denn jetzt hieß es nicht mehr Zeit abglühen bis die Wahllokale schließen, sondern jetzt lag es an uns wann wir das Wahllokal verlassen. Schnell eine Entscheidung treffen, ob die zweifelhaft verpackten rosa Umschläge zugelassen werden oder nicht. Das macht tatsächlich der Wahlvorstand. Dann schnell die Stimmzettel aus den blauen Umschlägen nehmen und eine erst Vorsortierung trennte sie in zwei Stapel: Der erste, wo Erst- und Zweitstimme gleich gegeben worden sind und die, die unterschiedlich gewählt haben. Ich sag mal so: Zwei Drittel der Wähler gaben die Erst- und Zweitstimme derselben Partei. Andernfalls galt es, das wegzutrennen.
Die Gleichgestimmten wurden sofort statifaktisch mit im Auswertebogen der Erst- und Zweitstimmen erfasst und vermerkt und weggelegt. Nun die die Zweitstimmen der Unterschiedlichwähler anfassen und danach die Erststimme der Erst- und Zweitstimmen-Unterschiedlich-Wähler ausgezählt. Das war unser Job.
Danach mussten schon die Zahl der gültigen Wahlscheine mit der Zahl der blauen Briefumschläge und der Zahl der Stimmzettel übereinstimmen, und das war bei uns das Problem. Wir hatten eine Stimme in der Erststimme am Ende zuviel. Ja. In der Zweitstimme stimmte die Stimme der Summe wieder, aber -… jo, es hölf nix, wir mussten nochmal ran, nochmal neu alle sortieren und zählen. Aber es blieb dabei: Eine Stimme Überhang. UMMMPFFF.
Das wurde im Wahljournal vermerkt Das hätte als Schriftführerin nie gewagt anmerken zu können, aber ich hatte auch, das gestehe ich hier, komplett den Überblick verloren. Man muss sich so vorstellen, dass hier sieben Leute im Wahlzimmer mit Stapeln von Papier an allen Ecken und Enden hocken, und die komplette Bodenfläche des Büros eingenommen ist, und alle Zettel auf Haufen zurückverteilt werden — die zu einem ein anderen zu Zehner- und Fünfzigerhaufen gehören. So eine Emsigkeit!
Ganz spannend sind natürlich die Stimmen der Spaßwähler. Da gab es heute einen Stimmzettel, auf dem waren alle Parteien angekreuzt. Alle, Ungültig, na klar. Dann gab es einen, auf dem waren partielle einige angekreuzt. Klare Kiste: Der Mann findet manche Parteien gut, andere sind Lümmel. Dann gab es einen, der radierte. kratze., Tipp- Exte und dann kam er zu einem SPD_Beschluss. Nur nicht mit Kreuz, sondern mit Kreuzschraffur. Sehr lebendig. Sehr klare Wähleraussage, aber das mussten wir als Vorstand abstimmen. Es gab übrigens auch eine Briefwahl, die ich persönlich als ungültig zurückweisen musste. Da hatte eine Dame das Feld, wo sie hätte unterschreiben sollen, leer gelassen. Dafür hat sie aber auf der Rückseite, wo das Wahlamt ihre Adresse eingesetzt hatte, ihre Adresse handschriftlich wiederholt. Sonst nichts. Ich schlug “ungültig” vor. Die anderen zauderten, man sollte ihren blauen Umschlag mit in die Wahlrune legen, sagten sie, aber das lehnte ich ab.
Wir hatten gegen 19.30 Uhr unseren Stimmbezirk ausgezählt. Ich hatte bis heute gedacht, dass die Briefwahl-Stimmbezirke die allerersten schnellsten Hochrechnungen liefern würden, aber inzwischen bin ich unsicher. Wir haben im Vorlauf mehr Arbeit, wir Briefwahlstimmbezirke. Weil wir alle Stimmzettel in je zwei Umschlägen haben, da wir müssen vor Ort sozusagen Absender und Stimmzettel trennen, weil ja die Wahl geheim ist.
Es war dann doch ein ergreifender Moment, als unser Briefwahlvorsitzender zum Telefonhörer gegriffen und für unseren Stimmbezirk das Schnellergebnis weitergegeben hat. Ab er es war halb acht und die Nachbarstimmbezirke waren auch nicht schneller gewesen, das stellte ich fest, und eigentlich war das auch das, was uns interessierte, und nicht etwa den Ausgang der Wahlen. Noch nicht. Wir waren noch nicht zuhause.
Ja, und jetzt wo ich fertig bin, wollt ihr wissen, wie viel ich verdient habe. Ich habe 45 Euro verdient, und es waren 45 Euro auf die Hand, ein so genanntes Erfrischungsgeld. Aber wie immer schön, so denke ich jetzt — nach getaner Arbeit auch direkt die Kröten in der Tasche zu spüren.
Soweit das verdiente Heu vom Ährenamt.
Ich hoffe, ihr habt gerne wieder von mir gelesen.
Dies war ein schöner Tag gewesen, ein Sonntag, Wahlsonntag, Muttertag.
Gute Nacht und gute Grüße,
von der Nachtphilosophischen.

Kommentare
Liebe VHS’ler,
es ist schade, dass ich nicht an unserem musikalischen Grillen teilnehmen konnte.
Ich habe dafür am Sa. das Fußballspiel genutzt, spezielle Griff-/ Tonkombinationen nach Londeix aus meinem Bariton zu quälen, was geschickt durch den Vuvuzela-Lärm überdeckt wurde.
Wenn das die Nachbar wüssten,
dass ich das grauenhafteste Vuvuzela von Rheinhausen geblasen habe.
Dies konnte ich dann am So. 04.07. bei
freier improvisierter Musik bei Gerd Rieger in Krefeld zum Besten geben.
Gruß
Heinz
Posted by: Heinz Slomka | Juli 5th, 2010 09:16
Liebe Elke, herzlichen Dank für die Fotos und die netten Kommentare dazu.
Einen schönen Sommer
und liebe Grüße Ingeborg
Posted by: Ingeborg | Juli 5th, 2010 14:36
hallo hallo blow ins,
ja, das war ein tolles blow out! tolle stimmung, tolle organisation – danke anke und walter, tolle grillmeister, tolle leckereien. geht’s dem fuß wieder besser? war ja nicht so toll!!!
manomann elke, eine flotte nachlese, auch toll. guido: die töne werden im herbst wieder besser; versprochen.
herzliche grüße und einen tollen sommer
brigitte
Posted by: Brigitte | Juli 5th, 2010 21:49
Hallo Brigitte,
dem Fuß geht es so lala, danke der Nachfrage. Wir waren heute beim Arzt. Der Tag war für Stefan so schwitzig, dass die Steristrips, die die Schnittwunde zusammenhielten, aufgeweicht sind. Nun habe ich Sorge, dass die Wunde wieder aufreißt.
Ich gehe morgen in die Apotheke und besorge neue Strips.
Es ist für mich schwierig, das richtige Maß an ärztlich-empfohlener Ruhe und kindlicher Bewegungsfreude richtig zu dosieren.
Ich denke, Kind und Fuß kommen durch.
LG, Elke
Posted by: Elke | Juli 5th, 2010 22:55